Adventskonzert: The Celtic Viol | Classiques!

Montag, 12. Dezember 2016, 19.30 Uhr
Landgasthof Riehen, Grosser Festsaal

Jordi Savall, Lyra-Viol, Diskantgambe und Leitung
Andrew Lawrence-King, irische Harfe und Psalterium
Frank McGuire, Bodhrán (irische Rahmentrommel)

Jordi Savall, einer der Pioniere der Neuentdeckung des alten Repertoires auf «historischen» Instrumenten und nach den ursprünglichen Quellen, hat seine Flexibilität und geistige Aufgeschlossenheit nie verloren. Dieses Jahr wird er mit dem renommierten Harfenisten Andrew Lawrence-King und dem Perkussionisten Frank McGuire im Trio auftreten und ein faszinierendes Programm rund um die geheimnisvolle und mythische keltische Musik präsentieren.

Programmänderungen vorbehalten.
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Drei Fragen an Jordi Savall

swiss classics: Es liegt nahe, dass Sie als katalonischer Musiker in Ihrer Arbeit ein grosses Gewicht auf die Erforschung und Wiederaufführung orientalisch geprägter und mündlich tradierter Musik aus dem hispanischen Kulturraum legen – zahlreiche Aufnahmen dokumentieren dieses Bestreben. Wie sind Sie nun auf die nordeuropäische und insbesondere auf die keltische Musik gestossen?

 

Jordi Savall: Ich bin in England auf entsprechende Quellen gestossen und habe begonnen, die Wurzeln dieser keltischen Musik zu erforschen, die auf das 17. und 18. Jahrhundert zurückgehen. In «The Manchester Gamba Book» werden mehr als 20 verschiedene Gambenstimmungen erwähnt, die es ermöglichen, auf der Gambe eine uns völlig unbekannte und faszinierende Musik zu spielen, die nach ihrer Blütezeit in Vergessenheit geriet. Die Gambe wurde später primär noch in bürgerlichen Kreisen gespielt, die Harfe in höfischem Umfeld, und so ging die Tradition der volkstümlichen keltischen Musik auf diesen beiden Instrumenten weitgehend verloren. Heute sind wir an einem Punkt, wo wir bei der Barockmusik vor mehr als 50 Jahren standen: Wir sind daran, uns allmählich ein riesiges Repertoire wunderbarer Musik neu und unter Miteinbezug originaler Quellen zu erschliessen.

Mit «The Celtic Viol» versuchen wir, dem Publikum eine andere Art von keltischer Musik nahezubringen, die fernab von allem Folkloristischen und von der Pop-Musik anzusiedeln ist und nebst lebendigen Giguen und Hornpipes gleichermassen langsame Lamenti sowie besinnliche und nostalgische Klänge liebt. Ich werde im Dezember zusammen mit dem Harfenisten Andrew Lawrence-King auftreten, der auf einer Kopie eines Instruments der Zeit (mit Darmsaiten) spielen wird – begleitet werden wir von dem Perkussionisten Frank McGuire, der auf der Bodhrán, einer traditionellen irischen Rahmentrommel spielen wird.

 

sc: Sie sind ein Musikforscher, der Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen nicht nur predigt, sondern vor Ohren führt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das aktuelle Weltgeschehen betrachten? Welche Rolle muss die Musik Ihrer Meinung nach in der heutigen Zeit einnehmen?

 

JS: Im Frühling dieses Jahres reiste ich zusammen mit Musikern aus Syrien, der Türkei, Marokko und Israel nach Calais, wo wir zusammen mit den Flüchtlingen vor Ort musiziert haben. Viele dieser Menschen haben Tausende Euros bezahlt und ihren gesamten Besitz aufgegeben, um ein neues Leben in Grossbritannien anzufangen – und endeten quasi in einem Gefängnis in Calais. Im Juni war ich in Thessaloniki und war zutiefst erschüttert über die Zustände in einem Flüchtlingscamp; ich bin diversen elternlosen Kindern begegnet und Menschen, die alles verloren haben und einer perspektivenlosen Zukunft entgegenblicken.

In Europa vergessen wir gern, dass unser Wachstum und Wohlstand auf jahrhundertelanger Ausbeutung anderer Völker und Kulturen beruht, sei es die Sklaverei oder – nach deren Abschaffung – der Kolonialismus. Und da wundern wir uns, dass heute in diesen Gebieten Kriege und Konflikte ausgetragen werden, die schlussendlich für Flüchtlingsströme nach Europa sorgen! Europa befindet sich zweifelsohne in einer sehr schwierigen Situation, und dass die Musik diese verbessern kann, bezweifle ich. Aber: Musik kann Hoffnung spenden, und sie kann all diesen Menschen, denen ich begegnet bin, eine Stimme geben und als Sprachrohr dienen. Diese Menschen kommen aus Ländern mit jahrtausendealten Kulturen und Traditionen, denen Respekt entgegenzubringen ist. Jeder kann etwas tun: Musikerinnen und Musiker sollen diese Flüchtlingscamps besuchen, Hoffnung spenden, sich im Kleinen – aber ganz konkret – engagieren. Was wir in der heutigen Zeit brauchen, sind Gerechtigkeit, Humanität und Solidarität.

 

sc: Man hört und liest immer wieder, dass die «klassische Musik» ein Nachwuchsproblem hat. Wie schaffen Sie es, auch heute noch erfolgreich CDs auf den Markt zu bringen? Was können junge Leute von heute von einem Konzert mit keltischen Violen mitnehmen?

 

JS: Ich versuche stets, die Musik in einen Kontext zu setzen; in dem Moment, wo ich die Musik mit ihrer Geschichte verknüpfe und beim Spielen auch den Menschen hinter der Musik zu Wort kommen lasse, gewinnt die Musik an Relevanz. So begeben wir uns auf eine Reise, die Geschichten erzählt – von Menschen, Kulturen und Schicksalen.

Die keltische Musik – genau wie beispielsweise auch die Musik der sephardischen Juden, die bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1513 auf der Iberischen Halbinsel lebten – ist etwas, was die Menschen brauchten, um zu überleben. Wenn man nichts hat, einem alles genommen wurde, dann bleibt die Musik als höchstes Gut, das uns niemand nehmen kann. Diese berührende und erschütternde Erkenntnis vermag jüngere Leute genauso zu berühren wie ältere. Ich bin überzeugt, dass Musik die wahre Geschichte der Menschlichkeit darstellt; während wir die Emotionalität und Schönheit der Musik erleben, begeben wir uns gleichzeitig auf eine Reise in die Geschichte.

 

CHF 75.- / 55.- / 30.-
(Studierende an der Abendkasse: CHF 15.- auf die besten verfügbaren Plätze)

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